Skip to content

So ein Mist! Immer wieder soll ich „Positiv denken“

September 11, 2012

Wie sollen Führungskräfte, Manager und Fachkräfte heute sein? Sie sollen positiv mitdenken und konstruktiv im Sinne der Ziele agieren. Dazu sind sie noch Ressourcen- und Lösungsorientiert. Das können wir inzwischen überall lesen und hören, …

Wenn man das noch nicht selbst kann, dann gibt es Trainings und Coachings. Der Artikel von Martin Wehrle aus der Zeit  bringt die Botschaft exemplarisch auf den Punkt: „Je detaillierter Sie sich Erfolge ausmalen, desto mehr färben diese Gedanken ab auf Ihre Ausstrahlung. Ihre Stimme wird fester, Ihre Argumente treffender, Ihre Körpersprache wird offener. Der Ort, wo Sie alles gewinnen, aber auch alles verlieren können, ist Ihr Kopf.“

Da tut man sich schwer, wenn man mal ein Problem hat und so aussieht als ob man eines hat oder sich sogar traut darüber zu erzählen. Heutzutage wird man dann schon fast mitleidig angeschaut und vielleicht schon mit Fragen zu positiven Seiten und Zielen bedrängt: „Denk doch mal positiv darüber. Was ist Dein Gewinn, das Problem zu haben? Wie wird es sein, wenn Du das Problem gelöst hast?“

Grundsätzlich und das sei hier gleich angemerkt, ist sicher nichts falsch an den Gedanken und auch den Kompetenzen sich auf Ziele positiv fokussieren zu können. Ich gehe mal davon aus, dass die fachlichen Fähigkeiten und Leistungsvermögen zu den Zielen passen. Das sollten sie nämlich in jedem Fall.

Was häufig übersehen wird, sind allerdings die persönlichen (und auch organisatorischen) Kompetenzen, sich Fehler und Probleme anschauen zu können, auch wenn diese mit negativen Gefühlen behaftet sind. Zum anderen kann man sich ja schon fast als rückständig, vielleicht auch als leicht geschädigt betrachten, wenn man ein Problem sieht und verstehen will, was alle anderen nicht sehen (wollen). Unsere Welt erleben wir ganzheitlicher, wenn wir „Hochs“ und auch „Tiefs“ erleben können.

Wird alles chronisch positiv gesehen oder wenn man dazu angehalten wird, dies so zu sehen, dann hat das sehr negative Konsequenzen. Es gibt keine Chance auf Fehler und aus Fehlern zu lernen. Es gibt keine Chance auf Erkenntnis und Wachstum. 

Zum anderen liegt gerade auch in dem Satz: „Das Problem ist die Lösung.“ eine wunderbare Erkenntnis. Im wahrhaften Zulassen des Problems und ganzheitlichen betrachten ergeben sich häufig automatisch Lösungen.  Im Verdrängen und schnellen positiv nachvorneschauen liegen große Fehlerchancen bei der Bewältigung von Problemen.  Ideen für Organisationen, für einen schöpferischen Dialog finden Sie hier: https://schlachte.wordpress.com/2010/04/19/die-schopferische-besprechung/

Aus meiner Sicht: Wenn wir über eine authentische Persönlichkeit sprechen, dann meinen wir damit Menschen, die Schwierigkeiten auch wahrnehmen können, die sich Probleme anschauen können,  Fehler anerkennen können sowie die dazugehörigen Gefühle von Schmerz, Ärger, Hilflosigkeit und auch Wut aushalten können. Die gelernt haben diese Gefühle zu regulieren. Somit können diese Erfahrungen integrieren werden. Auch brauche ich eine realistische Haltung zu meinen persönlichen Leistungsgrenzen und Schwächen. Wie gehe ich damit um? Wo sind Entwicklungsfelder?

Julius Kuhl bemerkte dazu in einem Workshop: „Verlangt wird von Menschen immer mehr Kreativität und Mitdenken, doch die Bedingungen dazu stellen wir nicht mehr bereit.“ Die Bedingungen sind u.a. auch an Fehler und Probleme ranzugehen. Allerdings in einer wertschätzenden Haltung und Umgebung. Ohne dies wird nichts gelernt und integriert. Kein Wachstum.

Aus PSI Schulung von Julius Kuhl

Aus PSI Schulung von Julius Kühl

Die wissenschaftlich sehr gut abgesicherte PSI Forschung nach Julius Kuhl hat Modulationsannahmen für Zielumsetzung und Selbstwachstum. Beides ist nur möglich wenn die vernetzten Systeme gut zusammenspielen. Selbstwachstum schließt die Fähigkeiten und Kompetenzen ein, sich Probleme und negative Gefühle anzunehmen. Nicht um darin zu baden, sondern um in einer neutralen Stimmung diese Erfahrungen ins „Selbst“ zu integrieren. Das „Selbst“ ist ein unbewusstes System, welches unsere Lebenserfahrungen speichert und wieder zur Verfügung stellt. Es ist sehr schnell und arbeitet parallel. Anders als unser bewusstes Denken, welches zwar sehr genau ist, dafür aber langsam und sequentiell arbeitet.

Zielumsetzung meint die Kompetenzen auch schwierige Aufgaben angehen zu können. Dazu braucht man Ziele und Bilder, wie sie z.B. von Herrn Wehrle beschrieben werden. Allerdings gilt es neben den Zielen zu prüfen, ob es damit verbunden positive Affekte gibt. Ohne die kann ich noch so gut ausgedachte Ziele und Bilder nicht umsetzen. Auch das ist eine Modulationsannahme der PSI Forschung.

Für gute Ideen, die auch von meinem „Selbst“ unbewusst unterstützt werden und Selbstwachstum brauche ich die Kompetenzen meine Fehler und Probleme anzuschauen und auch die Kompetenzen der Selbstberuhigung sowie Selbstermutigung. Da liegt Potential, meine ich.

Dazu brauche ich die Kompetenz positiv zu denken und zu handeln. Doch nicht isoliert und einseitig. Wir brauchen Menschen mit integrierten Kompetenzen, die ihre vernetzten Systeme flexibel einsetzen können. Die PSI Theorie kann individuell Unterstützung bieten. 

5 Kommentare leave one →
  1. September 19, 2012 1:10 pm

    Hallo Herr Schlachte,

    schön, dieses kritische Schlaglicht auf Lösungs- und Ressourcenorientierung. Ich habe mich über viele Jahre sehr intensiv mit diesen Themen auseinander gesetzt und mich dazu gezwungen, in jeder Problem- und Beratungssituation die Kristallkugel anzuwerfen, um nach zukünftigen Lösungsszenarien Ausschau zu halten. Das kann auch zu einer elaborierten Form der intellektuellen Flucht aus gegebenen Bedrängnissen und zu einer als heilsam geadelten Form des Aktivismus entarten.

    Irgendwann lag ich dann mit der Nase im Dreck all dessen, was ich in die Zukunft schielend übergangen, geleugnet und vor mir hergeschoben hatte. Schmerzhaft und heilsam dann zu erkennen, wie auch die Wanderung durch Vergangenheitskonstruktionen und den Dschungel unangenehmer innerer Zustände ans Licht führt.

    Oder noch besser, so wie Sie es hier formulieren: Es ist gut und wichtig anzuerkennen, wo man gerade steht, in welcher Verfassung man sich befindet und welchen Ballast man mit sich herum schleppt. Dann erst macht es Sinn, sich möglichen Lösungsszenarien zuzuwenden. Als vorläufige und veränderliche Orientierungshilfe, die aus dem gegenwärtigen Schlamassel hinaus leitet. Und dann, sehr wichtig, sich in Bewegung zu setzen.

    Die Sequenz:
    1. Anerkennen, was ist und Frieden damit schließen.
    2. Zulassen und betrachten, was da sein will.
    3. Und sich dann in Bewegung setzen, um zu schauen, wie sich Status Quo und Ideal verheiraten lassen.

    In dieser Sequenz lassen sich Lösungs-, Problem- und Ressourcenorientierung versöhnen. Und wir erlösen uns gleichsam von Selbstüberhöhung und -erniedrigung.

    Danke für die Inspiration!

    Herzliche Grüße
    Martin Wedgwood

    • September 19, 2012 5:39 pm

      Hallo Herr Wedgwood, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar. Ich übersetzte Ihre Antwort: Es geht um Balance statt Einseitigkeit.

      Doch das einfache Konzept „Höher, schneller, weiter + Du musst nur an Dich glauben“ verkauft sich gut. Dafür gibt es aus meiner Sicht einen großen Markt.

      Herzliche Grüße,

      Christoph Schlachte

      • September 19, 2012 6:22 pm

        Für jene, welche die gängigen Schemata bedienen und brav das kollektive Spielchen akzeptieren, läuft es wohl ganz gut mit dem Geldverdienen. Aber um das zu tun braucht es Kompetenzen, über die ich leider nur im Ansatz verfüge ;-).

        Wenn ich die Frage nach dem Wohin des „höher, schneller, weiter“ zu stellen wage, sei es gegenüber Kollegen oder Kunden, dann kriege ich meist Antworten, die irgendwie Sinn machen. Wenn ich dann aber noch ein kleines Schrittchen weiter gehe und nach dem größeren, existenziellen Kontext frage, in welchem gespielt, optimiert und gezappelt wird, dann ernte ich bestenfalls Staunen und Schweigen, häufig blankes Unverständnis.

        Die existenzielle Dimension in Reinform verkauft sich nicht besonders gut – da haben Sie, wenn Sie den Umkehrschluss erlauben, wohl recht. Aber vielleicht gibt es auch hier einen Weg, eine Hochzeit anzuzetteln: zwischen Sinnhaftigkeit und Effektivität oder, wuchtiger, Spiritualität und Alltag. Denn Effektivität ist ein göttliches Prinzip. Und wenn das Ringen um Effektivität und Performance sich in menschlich sinnvollen Zusammenhängen abspielt, dann erlösen wir uns alle wechselseitig vom Fluch des Zappelns, des Lärms und des ständigen Übertreibens.

        Ob sich das verkaufen und exportieren lässt, damit experimentiere ich fleißig. Werde bei Gelegenheit gerne berichten 🙂

        Herzliche Grüße und einen schönen Abend
        Martin Wedgwood

Trackbacks

  1. So ein Mist! Immer wieder soll ich „Positiv denken“ « Schlachtes Blog | LS-Media, mediasystems – Dominic Piernot
  2. Immer wieder mit neuen Projekten überfahren? « Schlachte's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: